Dienstag, 21. Oktober 2008
das rote buch (iv): departure lounge (1998–2000)
[Zu Teil 1]

 

zuerst der ort, dann der gedanke. […]
die schilder der bahn sind neuerdings
blau, schieben tiefe, die anzahl der zigaretten

vor den gleisen ist immer noch höher als die
der bekanntschaften, die man macht. schalen
sitze & kiesel, sprachtakte, erinnerung

brachte mich her, denke ich als ich gehe […]


Aus dem Gedicht departure lounge von René Hamann
(in ders., Neue Kokons. Gedichte,
lyrikedition 2000, München 2003, S. 13)

 

(Für M. – der mich antreibt, mehr zu wagen als das. irgendwann. bald.)

 

Tagebucheintrag vom 15. Februar 1998 (Faksimile)

 

Bonn Hbf., Bahnsteig 3, Warten auf IR, 15.02.98

Menschen sind seltsam. Sie stieren, während sie warten, stieren sie einen an, als wollten sie sagen: Geh fort! Hier warten wir, und du bist keiner von uns. Langsam bekomm ich Gefängnispsychose, hab ich das Gefühl. Manchmal fällt es schwer, Phantasie und Wirklichkeit auseinanderzuhalten.

Im Zug:

Hier gestaltet sich mein Untergangsszenario: Kopfschmerzen, leichtes Benommenheitsgefühl, hinter mir sitzen drei Französinnen, die unentwegt schwatzen – aber halt! da gehen sie auch schon, siedeln über ins andere Abteil. Ich fahre nach Hause mit knapp 3 Mark in der Tasche. Geldverdienen müßte ich auch noch. Gestern befiel mich während eines

Gesprächs mit U. kurzzeitig der Gedanke, ich würde mein Studium abbrechen müssen, wenn das Bafög mir jetzt oder in 2 Semestern gestrichen würde. Möglich ist das. Dann stünde ich viel früher als ohnehin erwartet vor dem Nichts und wäre gezwungen, mir was zu überlegen. Vielleicht aber sollte ich bis dahin auch "einfach" mehr in mein Talent investieren, mich um Veröffentlichungen bemühen, was ich momentan so gut wie gar nicht tue. Mehr und mehr aber wird mir auch klar, daß im Grunde mich kein Beruf jemals so erfüllen könnte, wie es das Schreiben und das Vortragen tun. Wenn ich an Gott glauben wollte als den Schenker dieser Gabe, so müßte ich auch glauben, er wisse schon Sinn und Weg – und dann wäre auch der Zirkelschluß zur Bedingungslosigkeit meiner Kindheit gezogen …

 

Tagebucheinträge vom 18. und 25. Februar 1998 (Faksimile)

 

IR Bonn–Koblenz, 18.02.98:

Vielleicht liegt es am heraufkommenden Frühling, vermutlich jedoch eher an meiner persönlichen Einstellung, daß ich immer nur das eine denken kann, z.B. gerade eben noch auf dem Bahnsteig beim Betrachten hauptsächlich der weiblichen Herumstehenden. Als wäre es das einzig denkbare, so toll, so großartig, daß man sich davon beherrschen lassen möchte. Aber mein Geist weiß schon, was er mir antun möchte, vor allem, warum er es tut: weil ich den Gedanken so sehr von mir abweise, weil ich so sehr darauf bestehe, ein – bitteschön – geschlechtsloses Wesen zu sein. Ja, er weiß es. Darum.

 

IR Koblenz–Bonn, 25.02.98:

Mit mir im Abteil was man "echte" Menschen nennt: Zwei Penner auf dem Weg nach sonstwohin, unterhalten sich über Fastnachtsvorfälle (zerstochene Reifen, eingeschmissene Schaufensterscheiben, eingebuchtete Zechkumpane, kürzlich verstorbene Mitstreiter). "Leben am Minimum." Der eine, mit hörbar geschädigten Stimmbändern, hat bis eben noch Zigarre geraucht und damit die restlichen zwei Abteilinsassen vertrieben. Jetzt steigen sie aus. Ihre Fahrt dauerte nur eine Station.
Über "echt" oder "nicht echt" ließe sich natürlich streiten, fest steht, daß ich niemals so hart am Leben sein möchte wie diese zwei, die ich respektiere in stiller beinahe Bewunderung.

 

Tagebucheintrag vom 3. Mai 1998 (Faksimile)

 

IR Koblenz–Bonn, 03.05.98:

Daß ich mir das nicht abgewöhnen kann, stets zu denken, das Lachen anderer müßte mir gelten. Halte ich mich eigentlich selbst für so lächerlich? Vor allem weibliches Lachen. Nun gut, es unterstützt sicherlich ein Minderwertigkeitsgefühl in mir. Was soll das! Anwesenheit von Frauen, vor allem jungen, macht mich konfus. Ich weiche ihrem Blick, dem zufälligen (besser gesagt), aus. Und es ist auch besser, obwohl es quälend sein kann (hängt von mir ab, nicht vom Objekt). Taumelnde Frauen auf der Suche nach Platz in diesem Zug. Ich sitze (relativ) sicher. Wortteufel. Ich muß den Roman zu Ende bringen. Das Seminar. Und für meine Zukunft sorgen. Noch kann ich die Fahrkarte bezahlen – noch nicht mal Studententarif!
Was will ich sein

 

Tagebucheintrag vom 19. März 1999 (Faksimile)

 

RE [Regionalexpress] Koblenz–Bonn, 19.03.99:

[Ja, ruckel Du nur! Wirst mich am Schreiben nicht hindern!]
Wenn ich mich heute noch vor den Zug werfe, in dem ich momentan sitze,
dann sagt ihnen, es sei wegen dieser irrationalen Angst gewesen. Es wird sie trösten, meine Motive, sofern ich sie erkenne und sofern sie wahr sind, nicht zu kennen, sondern schwerwiegenderes, einen [unleserlich], faßbareren Grund dafür verantwortlich machen zu können.
Es war die alte Angst, Freunde.
Macht Euch nicht diese Gedanken.
Ich bin ja bloß ausgestiegen. Abgesprungen. Vielleicht auch umgestiegen. Wir sehn uns am ferneren Bahnhof bestimmt wieder.

 

Tagebucheintrag vom 18. Juni 1999 (Faksimile)

 

IC Bonn–Hagen (Schwerte), 18.06.99:

Die bleibenden Jahre

[Fahrt in den Mittag:]
Das Leben mißt |* wie Sonnenuhren         |* sich
        sich an Schatten und Licht
Im besten Fall steht der Schatten für Sorge
        steht das Licht für Heiterkeit
        und beide im Mittag
Im schlechtesten Fall ist nur Schatten
        und Nacht
Und die Nacht hat |* zwölf Stunden         |* keine Grenze
               bis zum Tag
Oder vierundzwanzig
Dann ist kein Tag
Nur Finsternis in allen Sinnen
Kein Sinn in allem

In aller Finsternis keine Ruhe
Dann ist nur Angst & Beklemmung
[Kein Dieser Zug fährt keinen Bahnhof an
Dieser Zug kennt sein Zuhause nicht
        und kein Ziel
[Gott verschone mich vor Mitreisenden! Köln Hbf.]]
Müde bin ich
Todmüde
In den letzten
        bleibenden Jahren

"In Bonn beschreiben Sie Jahreszeiten.
In E. tun Sie das nicht." N., 19.6.99

 

Überarbeitete Fassung (August 1999, unveröffentlicht):

Die bleibenden Jahre

Das Leben mißt sich wie Sonnenuhren
        an Schatten und Licht
Im besten Fall stehen beide
        im Mittag
        im schlechtesten ist nurmehr
Finsternis in allen Sinnen
kein Sinn in allem
in aller Finsternis keine Ruhe
in aller Unruhe
nurmehr Angst

Müde bin ich
todmüde
in den letzten
        bleibenden Jahren

 

Tagebucheintrag vom 21. Juni 1999 (Faksimile)

 

IR KO–BN, 21.06.99:

Die stillenden Nächte

Tagweit die Unruhe trägt
        wie ein müder hungriger Vogel
        die Nacht heran
Wenn ich mich recke und
        auf die Zehenspitzen stelle vielleicht
        sehe ich den Morgen dort hinten und
        sehe wie düster er sein kann
In diesen Nächten wo ich
        Schlaf ersehnend nicht finde
        und die Ätschibätsch-Stimme in
        meinem Kopf in meiner verkrampften
        Brust mich verlacht
wünsch ich mir die

unvollendet und nie wieder angefasst

 

Tagebucheintrag vom 26. Januar 2000 (Faksimile)

 

ICE Mainz–Bonn, 26.1.00:

Trotz der Negativerfahrung vor mehr als drei Jahren ist mir das Unterwegssein, speziell in Zügen, lieb geblieben. Bewegt werden ohne sich selbst bewegen zu müssen, dabei entspannt Landschaft betrachten, ein Buch lesen, eine CD hören, wunderbar. Oder seinen Gedanken entspannt nachhängen. Gestern abend die Lesung vor einem Publikum, das fast zum Fürchten regungslos war, so daß ich mich während des Vortrags ganz in mich zusammenzog, quasi mir selbst performte. Ein schöner Applaus, der mich aus der Lethargie riß, froh, es hinter mich gebracht zu haben. Der schöne Rest des Abends mit Freunden, die extra aus Siegen angereist waren, das gehaltvolle, literaturreiche Frühstück, der viel zu frühe Abgang meinerseits, weil "Verpflichtungen" meiner harren in Bonn. Schöne Momente, man darf,

zumindest sollte ich nicht versuchen, sie festzuhalten, sie werden sonst starr und in dieser Erkenntnis bedrohlich. Hätte ich nur endlich diese Depression überwunden! Fast ein halbes Jahr nun, ich gebe mir keine Hoffnung mehr, ehrlich gesagt, und kenne die Konsequenz nicht. Flucht bleibt sinn- und ziellos. Es ist nun mehr Unruhe (& Einbildung, die aus Unsicherheit resultiert) denn Angst und trotzdem unangenehm, weil ich das Ende nicht sehe und, ehrlich gesagt, auch nicht mehr daran glaube. Die Tabletten helfen nicht wirklich. Ich müßte Sicherheit in mir finden, doch dazu fehlt die Ruhe (Hallo, Teufelskreis!). Ich fühle mich krank und habe das unbestimmte Gefühl, daß von mir nichts übrigbleiben wird, sollte es ein Ende geben.

 

/departure lounge

 

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